„Anfassen bitte!“ lautet das Motto eines neuen Wohntrends, der auf Tuchfühlung geht

Der Gestalter Vincent van Duysen präsentierte sich auf der „Biennale Interieur“ mit einer minimalistischen Wohnbox, deren Ausstrahlung durch Naturmaterialien weichgezeichnet wurde.

Es gibt Trends, die knallen sich ins Bewusstsein: „Neon-Pink“ war so einer; für 2017 kündigt sich der Farbtrend „Grün“ lautstark an. Andere sind plötzlich da, so wie der „Design-auf-Tuchfühlung“-Trend, den man jetzt überall sehen — besser noch: spüren kann. Der setzt nicht etwa auf ein deutlich erkennbares Merkmal, sondern vielmehr auf subtiles Understatement: Möbel und Designobjekte wollen neuerdings nämlich mit haptisch ansprechenden Werkstoffen und spannenden Oberflächen unseren Tastsinn kitzeln.
Auf den Spuren eines Trends — und wie man ihn Zuhause umsetzt…

Feinporiger Beton, kühler Marmor, griffiges Holz, flauschiger Samt… Designer experimentieren gerade nach Herzenslust mit Materialien. Es ist ein wahres Fest an Werkstoffen! Passend dazu entwickelte der Schweizer Produktdesigner Dimitri Bähler kürzlich die bereits preisgekrönte Accessoire-Serie „Volumes, Patterns, Textures and Colours“. Deren Keramikobjekte sind formell zurückhaltend, fordern aber mit ihren Reliefs, strukturierten Oberflächen und eigensinnigen Texturen den Tastsinn heraus. Auch der international renommierte „Marianne Brandt Wettbewerb“ setzte sich zuletzt mit dem Thema „Materialeffekte“ auseinander. Unter den Bewerbern war auch der Frankfurter Designer Jonathan Radetz, dessen Teppich „Annapurna“ durch zwei verschieden reflektierende Materialien aus jeder Position anders wirkt, als hätte er Höhen und Tiefen. „Man kann eine Berglandschaft sicherlich fotorealistisch knüpfen, aber ich habe sie in eine Teppichlandschaft aus haptisch unterschiedlichen Naturgarnen abstrahiert“ erklärt Radetz seinen Entwurf. „Mir war es wichtig, mehr als nur einen Sinn anzusprechen.“ Einen ähnlichen Ansatz verfolgen auch andere, darunter das britische Designstudio Custhom mit ihrem Stoffentwurf „Contour“, wo grafische Muster in einen derben Wollfilzstoff eingestickt sind. So entsteht ein Relief — und eine Sinnesreise für die, die ihn berühren.

Auch die Design-Brüder Ronan und Erwan Bouroullec sind auf diesem neuen Design-Kuschelkurs unterwegs: Bei ihrem letzten Tischentwurf achteten sie besonders auf dessen Haptik und statteten die Tische der „Copenhagen“ Serie für Hay mit Linoleumplatten aus (einem Material, das sich durch einen samtigen Griff auszeichnet). Dem Gestaltungs-Motto „Anfassen bitte!“ folgen derzeit aber nicht nur viele Gestalter gerne, sondern auch viele Stylisten und Interieur-Designer. Zwei der Besten, Ilse Crawford und Vincent van Duysen, sind dafür kürzlich ausgezeichnet worden: Ilse Crawford, Innenarchitektin, Ex-Elle-Deco-Chefredakteurin und mit Büchern wie „Sensual Home“ (Rizzoli Verlag) so etwas wie eine „Promoterin des sinnlichen Wohnens“ wurde von der Pariser Wohnmesse „Maison & Objet“ als „Designerin des Jahres 2016“ ausgezeichnet. Und auf der „Biennale Interieur“ im belgischen Kortrijk, wurde Vincent van Duysen gekürt: Der Belgier verzichtet in all seinen Entwürfen auf formelle Schnörkel und gestalterischen Schnickschnack. Auch mit Farben und Mustern hat er es nicht. Stattdessen setzt er ganz subtil auf die Kraft der Materialien: Kombiniert derbe und feine, warme und kalte, traditionelle und moderne Werkstoffe — und trifft damit genau den Nerv der Zeit.

Wie sich so ein „Sinnliches Zuhause“ anfühlt, kann man beispielwiese im Apartment und Conceptstore Graanmarkt 13 in Antwerpen testen, welche der als „Material Man“ bekannte Vincent van Duysen gestaltet hat: Hier findet man geordnete Architektur, reduzierte Formen, sinnliche Materialien und gedämpfte Farben mit einer gemeinsamen Message: Zuhause ist kein Ort, sondern ein Gefühl, dass man sanft aus seinem Versteck heraus kitzeln muss.

Und das funktioniert in seinem eigenen Zuhause am besten so:

  • Lagenlook
    Füllen Sie Ihre Räume Lage um Lage mit Vorhängen, Teppichen, Möbelstücken, unterschiedlichsten Leuchten, Deko-Kleinigkeiten, Büchern, Zimmerpflanzen… Denken Sie niemals eindimensional: Ein Raum muss mehr haben als nur ein paar Möbelstücke. Und den Sinnen mehr bieten als nur ein Material. Der Mix macht es.
  • Get dressed!
    Wände und Fenster sind jetzt ungerne nackt. Lieber verkleiden sie sich oder hüllen sich in kuschelige Vorhänge, auch Wandverkleidungen aus Holz und kunstvolle Behänge aus Wolle sind wieder en vogue. Das schafft Wohnwärme und tut auch den Ohren gut: Weil die Raumakustik verbessert wird.
  • Bodenschätze
    Füße sind extrem sensibel — kitzeln, streicheln, reizen Sie Ihre Fußsohlen und Sinne also sanft mit taktilen Bodenbelägen, wie strukturiertem Parkett oder flauschigen Teppichen aus hochwertigen Naturmaterialien. Fußreflexzonen-Massage einmal anders…
  • Wohngefühl
    Natürlich sollen Möbelstücke zuallererst eine Funktion erfüllen: Auf einem Sessel muss man natürlich sitzen können. Umso besser aber, wenn man gleichzeitig noch auf Sinnesreise gehen kann: Weil der Bezug aus einem plastisch gewebten Textil ist oder die Armlehne aus einem warmen Naturholz.
  • Sinnesschmeichler
    Sogar in Bereichen mit einem maskulinen Image, wie der Elektronikbranche, wird seit einiger Zeit ein wärmerer Ton angeschlagen: Die Musikboxen von Cecilie Manz für Bang & Olufsen sind beispielweise mit Textilien bezogen und haben Ledergriffe. Kein Grund also für funktionale Nüchternheit bei den vielen technischen Mitbewohnern, die wir mittlerweile so haben.

„Sind Wohnungen jetzt die besseren Kuschelhöhlen?“ fragt man sich da. Wohl weniger. Immerhin bleiben die ästhetischen Ansprüche noch stets dieselben — und die gehen nach wie vor zu einem reduzierten Look. Aber das was wir haben, wird sinnlicher. Der Frankfurter Produktdesigner Jonathan Radetz drückt es so aus: „Ein Dekor und das echte Material unterscheiden sich heute meist nur noch durch das Gefühl. Laminat bleibt beispielweise immer kalt, während Holz sich warm anfasst. Bei Marmor ist es andersrum: Eine Kunstmarmorplatte ist immer wärmer als der Original-Stein. Neu ist, glaube ich, dass es vielen Menschen um das authentische Materialerlebnis geht. Vielleicht richten wir uns wieder für uns selbst ein und legen deshalb mehr Wert darauf.“

Ein Artikel von Janina Temmen

 

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