Urban Gardening: Gemüse aus öffentlichen Anbau

Ein mobiles Beet in der Schubkarre: originelle Ideen wie diese machen das Urban Gardening so attraktiv.

Michelle Obama legt im Garten des Weißen Hauses Gemüsebeete an, Schrebergärten sind hip, und Andernach am Rhein erklärt sich zur „essbaren Stadt“ – Urban Gardening erobert unsere Städte. Immer mehr Großstädter kommen auf den Geschmack und werden wieder zu Ackerbürgern.

Brokkoli, Möhren, Spinat, Schalotten, Fenchel, Zuckererbsen, verschiedene Salate, dazu Thymian, Oregano, Salbei, Rosmarin, Kamille und Majoran – das Angebot aus dem Küchengarten des Weißen Hauses ist reichhaltig. Michelle Obama selbst hatte die Beete darin gemeinsam mit Kindern eine Schulklasse angelegt und sich damit gleichsam zur „First Gärtnerin“ der USA erklärt.

Aber wir müssen nicht so weit reisen, um die Rückkehr der Gemüse in den öffentlichen Raum unserer Städte zu besichtigen. Andernach am Rhein hat sich gleich zur „essbaren Stadt“ ernannt, und auch in Puchheim bei München dürfen die Einwohner in Bürgergärten seit kurzem selbst anbauen. „Urban Gardening“ heißt der Trend, der immer weiter um sich greift.

„Wo es andernorts heißt ‚Betreten verboten’ heißt es in Andernach ‚Pflücken erlaubt!’. Der Anbau regionaler und seltener Sorten stärkt die Identifikation mit der Heimat und unterstützt die urbane Biodiversität.“ So steht es auf der Homepage der Gemeinde zwischen Bonn und Koblenz, mit 2000 Jahren eine der ältesten Städte Deutschlands. „Gemüsesorten wie Bohnen und Möhren, Obst- und Beerensorten, Spaliergehölze oder Küchenkräuter tragen zu einem attraktiven Stadtbild bei und laden zum Ernten ein.“ Jedes Jahr sind es andere Gemüse, die in verschiedensten Sorten gepflanzt werden, mal Tomaten, dann Bohnen, mal Zwiebeln, dann Kohl. Das sieht schön aus und schmeckt richtig lecker. Der Anbau von Nutzpflanzen auf den öffentlichen Flächen holt die Natur in die Stadt zurück und schafft für viele Menschen zudem einen neuen Zugang zu einer bewussten, gesunden Ernährung.

Wer selbst Gemüse anbauen möchte, braucht dazu wahrlich keinen großen Garten. Das zeigt die Autorin Lia Leendertz in ihrem neuen Buch „Urban Gardening“ (Knesebeck, 19,95 Euro). Dabei liefert sie Inspirationen für die unglaublichsten Stellen, an denen Minigärten angelegt werden können: Treppenaufgänge, Balkone, kleine Dachterrassen, sogar auf der Ladefläche eines Pick-ups oder in einem alten Schubkarren.

Gemüseanbau inmitten der Stadt hat eine jahrhundertelange Tradition. Vor der Industrialisierung, die unsere Innenstädte extrem verdichtete, bauten die Menschen als Ackerbürger ihre Nahrung inmitten der Stadtmauern an. In den Arbeitersiedlungen, vom Ende des 19. Jahrhunderts an entstanden, gab es viele Fleckchen Erde, auf denen gegärtnert wurde, und die Gartensiedlungen der 20er-Jahre waren auch zur Selbstversorgung da.

Mit der Verdichtung der Stadträume ging das immer mehr verloren – und kommt jetzt mit Macht zurück. Schrebergärten sind auf einmal absolut hip bei jungen Leuten, und Bürgerinitiativen erobern sich Grünstreifen, Fabrikdächer und Parkplätze, um darauf zu gärtnern. Ihre drängende Frage: „Woher sollen unsere Kinder denn wissen, dass Kartoffeln in der Erde und Tomaten am Strauch wachsen – und nicht im Supermarkt?“ Ihre höchst plausible Antwort: indem sie selbst welche anbauen, pflegen und ernten. Im eigenen Hinterhof oder gleich an der nächsten Straßenecke.

 

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