Die Komponistin der starken Farbklänge

Beim Wasserfall schafft die Malerin Schnittstellen zwischen Inhalt und Form, entsteht das herabfließende Nass doch durch flüssige Farbe

Alle zwei Jahre ist Venedig das Mekka der internationalen Kunstszene. Bei der aktuellen Kunst-Biennale stellt auch Gotlind Timmermanns aus. Die Münchnerin hat sich mit ihren kraftvollen Großformaten in ihrer ureigenen Technik hierzulande längst einen Namen gemacht. Bis 24. November zeigt sie ihre Bilder im Palazzo Bembo während der Ausstellung „Personal Structures – Identities“, organisiert vom European Cultural Center. Im Interview gibt die Künstlerin einen kleinen Einblick in ihr Schaffen.

Inspirations by HARO: Auf der Biennale in Venedig auszustellen, was bedeutet das für Sie?

Gotlind Timmermanns: 2011 war ich zum ersten Mal im Palazzo Bembo, als Besucherin. Da hat mich das Thema beschäftigt, wie man mit Arbeiten den gesamten Raum bespielen kann. Man liest Bilder ja nicht wie Buchstaben, sondern sieht sie eher wie einen Film – zusammenhängend eben. Die Biennale ist für jeden Künstler das Ziel. Dahin kommen alle, die sich weltweit für Kunst interessieren. Natürlich ist es auch Venedig, die Schönheit der Stadt, des Palazzos. Aber vor allem die Möglichkeit, vielen Kunstinteressierten meine Arbeiten zu zeigen.

Inspirations by HARO:  Wie ist es zu dieser einmaligen Chance überhaupt gekommen?

Gotlind Timmermanns: Ich habe mich mit den großformatigen Bildern Azimut und dem Mondstrahlen Triptychon beim European Cultural Center beworben und bekam die Zusage mit den Worten ‚We like your powerful work‘. Beim Malen des dreiteiligen Azimut-Zyklus‘ hatte ich schon im Kopf, diesen zusammen zu zeigen.

Inspirations by HARO: Wände und Decke des Ausstellungsraums im Palazzo Bembo sind in der Farbe der rohen Leinwand gestrichen, dem Hintergrundton der Bilder. Der Betrachter taucht förmlich ein in die drei großformatigen Gemälde, die wie ein aufgeklapptes Triptychon auf drei Seiten angeordnet sind. Was verbirgt sich hinter der Installation Azimut?

Gotlind Timmermanns: Azimut ist ein Begriff aus der Nautik, der den Winkel zwischen einem Stern und Süden bezeichnet. Übersetzt heißt es einfach Weg oder Richtung. In ihrer Anordnung wirken die Bilder so, dass man zu einer Konzentration kommt. Zusammen ergeben sie eine Einheit, einzelne Strukturen können als Fluss oder Landkarte gelesen werden. Azimut ruft auf, sich zu orientieren. Nicht durch äußere Einflüsse oder Vorgaben, sondern aus sich selbst heraus.

Inspirations by HARO: Was inspiriert Sie für Ihre künstlerische Arbeit?

Gotlind Timmermanns: Ich habe zwei Richtungen, aus denen ich meine Impulse hole. Zum einen Farbklänge aus meinen eigenen Bildern, zum anderen arbeite ich aus gewissen Stimmungen heraus. Und ich versuche immer, Schnittstellen zwischen Inhalt und Form zu finden. Bei den Wasserbildern funktioniert es sehr gut, weil es um eine Flüssigkeit geht und ich diese mit flüssiger Farbe erschaffe.

Inspirations by HARO: Wie gehen Sie an Ihre Arbeit heran?

Gotlind Timmermanns: Ich male am Boden und lasse es fließen. Fürs Grundieren nehme ich schon einen Pinsel, aber in weiteren Schritten kippe ich die Farbe in vielen Schichten aufs Bild, nehme sie mit dem dicken Pinsel auf oder direkt aus dem Glas. Und anschließend bewege ich das Bild.

Inspirations by HARO: Ist da nicht unheimlich viel Zufall mit im Spiel?

Gotlind Timmermanns: Höchstens 30 Prozent. Und dabei entstehen meistens die schönen überraschenden neuen Farbklänge. Die Pigmente verhalten sich eben unterschiedlich: Weiß flockt gern einmal aus, Magenta macht häufiger Rinnsale. Wenn es nicht klappt, mache ich es halt noch einmal. Das Silber braucht ewig bis es trocknet. Wegen der langen Trocknungsprozesse male ich immer an mehreren Bildern. Schneller als drei Monate war noch nie eines fertig.

Inspirations by HARO: Wie haben Sie diese Technik entwickelt?

Gotlind Timmermanns: Ob man die Farbe mit dem Pinsel aufträgt oder sie zielgerichtet kippt, das macht nicht so einen großen Unterschied. Ich lasse dem Material so viel mehr Freiraum. So hat es mehr Präsenz. Das Bild muss ich vorab durchplanen. Wenn ich wie bei der Silberrotskala Orange und Pink zum Flimmern bringen will, brauche ich einen bestimmten Hintergrund. Dafür muss ich gefühlt ewig an vielen Schichten Untermalungen arbeiten.

Inspirations by HARO: Silber findet sich immer häufiger in Ihren Werken. Was hat es damit auf sich?

Gotlind Timmermanns: Das Silber ist Aluminiumpulver in Leinöl, genauso wie ich alle meine Farben herstelle, einmal dick-, einmal dünnflüssig, wie ich es gerade brauche. Das Silber benutze ich, weil es einen sehr schönen Kontrast zu den hellen Farben erreicht. Und wenn der Betrachter am Bild vorbeigeht, entdeckt er durch die Lichtreflexionen verschiedene Schattierungen. So kann ich mit Transparenz und Licht spielen.

Inspirations by HARO: Sie arbeiten in den Domagk-Ateliers, einer Künstlerkolonie mit 102 Ateliers in München. Wie wichtig ist Ihnen der Austausch mit anderen Kreativen?

Gotlind Timmermanns: Ich mache gern thematische Ausstellungen mit Kollegen wie jetzt zuletzt die Mondschein-Ausstellung. Auch zu den Themen Wald oder Wasser habe ich schon kuratiert. Ich kenne ja die Arbeiten der anderen. Und wenn es noch keine Werke gibt, weiß ich, wer welche zum Thema machen kann. Das ist für mich eine totale Bereicherung. Was dann entsteht, bringt nicht nur mich, sondern auch die anderen Künstler auf ganz neue Spuren.

Inspirations by HARO: Vielen Dank für das Gespräch.

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